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Über die Hexenjagd im Internet

Letzte Woche verbrachte ich mal wieder ziemlich viel Zeit im Internet - ich meine, ich hatte mir ja den übermäßigen Konsum verboten - siehe gute Vorsätze zum neuen Jahr. Aber hey, wenn das schon nicht mit den Gummibärchen und dem Kaffee gelingen will, warum sich dann unnötig kasteien und den zeitraubenden enervierenden teilweise frustrierenden Kasten ständig links liegen lassen?

Ich meine mir ist, klar, dass es weitaus kreativer wäre, selbst was zu schreiben, selbst zu denken ... Aber das ist einfach prima. 

Ich sitze also gemütlich auf meinem Sofa, Zigarette in einer Hand, Handy in der anderen. Vor mir steht eine dampfende Tasse hufeisenstarker Kaffee und die Gummibärchentüte raschelt leise in der warmen Zugluft, die vom Fenster kommt.

Herrlich!

Da scrolle ich mich so durch die Seiten und denke - die Welt ist schön.

Habe ich ja auch außerordentlich klug eingerichtet. Ich bin mit Autoren befreundet und die Themen sind, bis auf  ein paar Skandälchen, harmlos.

Würde sich ja keiner von uns entblöden und öffentlich etwas preisgeben, was eventuell einen Shit-storm auslöst. 

Wenn einem das von uns mal passiert sein sollte - er hat sich so tief verbeugt vor lauter Bedauern, dass sein Kopf schon im Sand steckte. 

Sorry.

Und da scrolle ich also weiter, denke mir, dass ich die letzten Wochen aber so rein gar nichts verpasst habe ... Die Bücher, die eventuell in der Zwischenzeit auf den Markt gekommen sind, sind entweder schon wieder weg vom Fenster, dann waren sie es auch nicht wert, dass ich sie kenne, oder sie werden jetzt noch besprochen, dann kann man ja mal reinlesen.

Und da - was entdecken meine müden Autorenaugen? Mittlerweile bin ich bei der gefühlt 100-ten Zigarette und der Kaffee ist auch schon alle - da hat einer etwas gepostet. Hat eine Link dazu gestellt und sich über die Blödheit der Menschen aufgeregt. Gar auf eine einsame Insel wollte er auswandern. Ähm, da wollte ich schon hin - ist besetzt.

Ich gucke also, was der Stein des Anstoßes ist und bin entsetzt.

Da hat es ein Prominenter gewagt, etwas öffentlich zu sagen. Etwas wie seine Meinung. Oder auch das, was sein Agent gesagt hat, dass es gut wäre, wenn es seine Meinung wäre. Dass so eine Meinung immer gut rüberkommt. Und diese Überlegung ging anscheinend nach hinten los. Jedenfalls war ich ganz verblüfft, wie viele verschiedenen Schimpfworte mittlerweile  mit SYSTEM ... anfangen....

Ich, nicht blöd und immer auf Zack, mir gleich mein schlaues Reinschreibbuch geschnappt und zwecks Recherche alle wunderbaren Wörter aufgeschrieben. Wer weiß, vielleicht brauche ich sie ja noch mal --- Also wenn ich mal über eine total psychopatische durchgeknallte Sekte schreibe, oder so.

Kurze Kostprobe gefällig. Ich weiß, meine Klaue ist kaum lesbar (ich habe gerade selbst Probleme. Lag vielleicht am zuviel des Kaffees ...)

Neuer Wortschatz für alle Sprachlosen:

Schimpfwörter für Politiküberdrüssige:

Systemling, Systemhure, Systembückling, Systemhomo, Systemkriechling ....

Fast noch nett.

Jetzt für alle, die wie ich mal im Auto vor sich hinschimpfen ....:

Doofnickel, Weichbirne, Idiot, Lappen, Heulboje, abgetakelte Schrapnelle , Schweineprister, Witzfigur, Widerling, Schleimer, dummer Brotfresser 

Jetzt nur noch für ganz Harte:

Medienhure, Bastard, Arschloch (7x in dem Beitrag - nicht sehr einfallsreich), Riesenarsch (die kleine Abwandlung), Arschkriecher, Verräter, Bastard, rote Arschmade (gehört wahrscheinlich in die erste Gattung der politischen Schimpfwörter, aber ich stelle mir lieber eine rote Made vor mit grünen Augen - süüüüß)

 

Also ein Querschnitt der gängigsten Schimpfwörter - die Liste behauptet nicht, vollständig zu sein. 

Ich behaupte aber, dass ich es unglaublich finde, was heute los ist. Wie mag es dem Menschen, der diese Äußerungen unter seinem Beitrag stehen hat, gehen?

Klar, man ist ja Profi, da sieht man gar nicht hin. Soll sich doch mein Agent mit Anzeigen rumschlagen, die ich eigentlich alle wegen Beleidigung erstatten müsste. 

Nein, ich bin Profi. Ich lese es, ich nehme es zur Kenntnis, es ist mir aber egal.

 

Und genau das, glaube ich nicht. Jede Beleidigung verletzt. Jeder böse Blick, Hupen an der Ampel, abfällige Bemerkung, Angeraunze am Arbeitsplatz, verletzt.

Klar mag es Personen geben, die es weniger verletzt, die eine harte Schale haben. Aber ich glaube es nicht. Harte Schale, weicher Kern? Ja? Ja? Schon mal gehört? Ja.

Und was schließen wir daraus? Die mit der harten Schale, denen so etwas am oben genannten A ... vorbeigeht, sind eigentlich die mit dem weichen Kern. Und der ist verletzlich. Und wenn solch ein Shit-Storm auf eine niedergeht, woran sich auch das Thema entzünden mag, verletzt er.

Und wenn sich zwei trauen solche netten Titulierungen zu schreiben und keiner sagt etwas dagegen, dann trauen sich noch viel mehr - eine Kreativität bricht plötzlich aus, man ist ganz erstaunt. Deutschland, Land der Dichter und Denker.

Da scheint viel kreatives Potenzial zu sein ... Nützt es doch anders.

Erst denken, dann, schreiben! 

Am anderen Ende deines Posts,sitzt ein fühlendes Wesen. Ich glaube, das haben wir teilweise vergessen.